Am Sonntag nach Paris

Rueil-sur-Seine – Paris Arsenal

So., 26.06.2022. Keine wirklich schlaue Entscheidung, am einem Sommersonntag von Westen nach Paris einzufahren. Vor der Stadt ist der Verkehr noch extrem ruhig. In die Stadtschleuse Écluse de Suresnes mit ihren drei riesigen Kammern bekommen wir sofort und allein Einfahrt. Aber um zu unseren Zielhafen Port de l’Arsenal zu gelangen, muss die komplette Innenstadt durchfahren werden.

Richtig quirlig wird es ab Eiffelturm. Menschenmassen an den Ufern und dicht gedrängt auf allen Arten von Ausflugsbooten und -dampfern. An Fotografieren ist nur sehr eingeschränkt zu denken. Die Aufmerksamkeit muss dem Verkehr rundum gewidmet werden, da nahezu alle Boote schneller sind als wir.

Am Bassin de l’Arsenal ist die „Wendestelle“ der Ausflugsdampfer. So können wir einigermaßen ruhig auf unsere über UKW angemeldete Schleusung in den Hafen warten.

Der große Hafen ist gefragt und sehr voll. Bei dem Hinweis, wir können nur noch „im Paket“ liegen, also an der Längsseite eines Kailiegers, waren wir schon etwas skeptisch. So muss man ja über ein anderes Boot rüber, um an Land zu kommen. In unserem Fall überhaupt kein Thema. Der sympathische Holländer hilft beim Vertäuen an seiner Superyacht und bietet ebenso Hilfe bei Stromlegung und Wasseranschluss an. Aber zu diesem „Nachbarn auf Zeit“ später noch mehr.

Nach dem doch zum Schluss aufreibenden Fahrtag sind wir nur noch für einen kleinen „Bastille-Kiez-Spaziergang“ fähig.

Von der Oise auf die Seine

L’Isle-Adam – Rueil-sur-Seine

Fr., 24.06.2022. Bis zur Flussmündung der Oise in die Seine sind es jetzt nur noch 28 km, dann weitere 26 km die Seine zu Berg. Völlig entspannt und problemlos. Schiffsverkehr ist nicht nennenswert feststellbar. Vor allem die Frequenz auf der Seine hatten wir uns lebhafter vorgestellt. Egal, uns ist es recht, wenn wir nicht groß auf den fließenden Verkehr achten müssen.

Den Seineabschnitt bis zum Zielhafen Arsenal teilen wir in zwei Teile. Heute die 26 km bis Rueil, danach können wir bequem die Fahrt ins Zentrum von Paris (ca. 47 km) in einem letzten Rutsch machen.

Der Anleger in Rueil-sur-Seine ist für 3 bis 4 Boote vorgesehen. Sehr schön gelegen, kostenfrei, allerdings ohne Anschlüsse. Direkt an einem Neubaubereich mit fußläufig guten Einkaufsmöglichkeiten. Für unsere telefonische Anmeldung für den Cityhafen Arsenal ist es jetzt höchste Eisenbahn. Aber es klappt, Sonntag können wir kommen, vier geplante Übernachtungen.

Die Nähe zu Paris ist deutlich zu spüren

L’Isle-Adam

Di.-Do., 21.-23.06.2022. L’Isle-Adam, propper, bürgerlich, wohlhabend. Der kleine Ort mit seinen 12.000 Einwohnern ist unsere erste Station in der Region Île-de-France. Übrigens, der Name Île-de-France wird heute meist mit der Lage zwischen den Flüssen Seine, Marne, Oise und Beuvronne erklärt, von denen das Gebiet wie eine Insel umschlossen wird.

Das Wetter zieht wieder an. Mittwoch sind es schon wieder 30 Grad. L’Isle-Adam ist mit seinem Bahnhof Parmain (500 m von unserem Anleger) am anderen Oise-Ufer nur 48 Bahnminuten vom Pariser Gare du Nord entfernt. Das spürt man. Kaum Leerstand, gute Einzelhandelsgeschäfte, zur Oise hin Restaurants ohne Ende (und gut besucht). Kleine Villengegenden, die uns an Dahlem erinnern. Ein sehr gut gepflegtes Strandbad an der Oise hat noch nicht geöffnet. Die Arbeiten im Eingangsaußenbereich sind noch nicht abgeschlossen (und das bei diesem Hitze-Juni).

Das Neubauprojekt „Port de l’Isle-Adam“ wurde in 2017 auf einem leeren Feld begonnen, 2021 war Eröffnung. Der Yachthafen ist durch eine Schleuse mit der Oise verbunden und liegt am Rande eines großen bewaldeten Parks von 5.000 qm. Die Randbebauung hat durchaus hohen Standard, natürlich ist das alles noch ein wenig „klinisch“, die Patina fehlt. Mal sehen, wie das in ein paar Jahren aussieht. Die Belegung der 140 Liegeplätze macht mit geschätzten 30 % einen ganz ordentlichen Eindruck.

Wir genießen unseren kostenlosen Anleger ohne Hafenmeister. Erst mit einem Schweizer Boot zusammen, dann mit einem Holländer. Hinweistafeln oder eine Telefonnummer gibt es nicht. Und um die hier liegenden Boote kümmert sich keiner. Morgen geht es weiter, wir wollen die Gastfreundschaft nicht zu sehr überstrapazieren.

Mit einem Temperatursturz geht es weiter

Compiègne – Creil – L’Isle-Adam

So./Mo., 19./20.06.2022. In der Nacht zum Sonntag fängt es an zu regnen. Die Temperatur knallt runter. Von 40 auf erfrischende 25 Grad bei Sonnenschein am Sonntagnachmittag. Nach den Tagen in Compiègne wollen wir mal wieder Strecke machen.

Am Sonntag von Compiègne bis Creil. Auf der Oise (und zum Teil kanalisierten Oise) 41 km bis Creil. Drei Schleusen (Venette, Verberie, Sarron), keine Wartezeiten. Mangels Sportbootanleger packen wir uns in Creil zwischen die Frachter an die Kaimauer – es ist ja nur für eine Übernachtung.

Montag dann von Creil nach L’Isle-Adam. 34 Km, wieder drei Schleusen. Die Kommunikation über UKW klappt immer besser. Obwohl wir natürlich immer noch nicht die Antworten übersetzen können, gelingt uns das „Interpretieren“ aber immer besser. Am besten geht es, wenn es 2-Kammer-Schleusen sind. Auf unsere vorausschauende Nachfrage „la petite écluse tribord/bâbord pour nous?“ (die kleine Schleuse an steuerbord/backbord für uns?) kam fast immer die Antwort: „Oui, je les prépare“ (ja, ich bereite sie vor).

Am nagelneuen, sehr großen Yachthafen „Port de l’Isle-Adam“, kurz vor der Schleuse am linken Ufer fahren wir glatt vorbei. Wie wir später feststellen, gibt es an der kleinen Zufahrt auch kein Hinweisschild und in unserem (aktualisierten!) Plotter ist der Hafen ebenfalls noch nicht eingetragen.

Aber es ist kein Pech für uns. Das ganze Gegenteil. Hinter der Schleuse ist an einem 2er Steg noch ein Platz fei. Kein Liegegeld, freier Strom und Wasser, Liegezeit 48 h. Besser geht es nicht!

Sahara-Hitze in Compiègne

Compiègne

Fr./Sa., 17./18.06.2022. Es ist heiß. Das Thermometer steigt auf über 40 Grad. Eigentlich kein Wetter, um sich in der Stadt umzuschauen. Bei unseren Streifzügen nutzen wir jede Möglichkeit, uns im Schatten zu bewegen.

Compiègne ist mit 41.000 Einwohnern die Unterpräfektur des Arrondissements Compiègne im Département Oise in der Region Hauts-de-France. Zwei Technische Universitäten spiegeln sich mit vielen jungen Menschen im Stadtbild wider. Die Stadt macht auf uns einen bunten, lebhaften Eindruck in einer angenehmen Atmosphäre.

Das Prunkstück von Compiègne ist das Château de Compiègne, nach Versailles und Fontainebleau die wichtigste Herrscherresidenz Frankreichs. Kaiser Napoléon wohnte hier, später wurde es auch die bevorzugte Residenz von Napoleon III. 1870, nach dem Ende des Kaiserreichs, erfolgte die Umwandlung in ein Museum.

Es beherbergt heute drei Sammlungen: Les appartements historiques mit den Räumen Napoleon III, der Kaiserin Eugénie, Napoleon Franz Bonaparte und weiteren. Les musées du Second Empire über das Zweite Kaiserreich mit Fokus auf dem Leben Eugénies und das 1927 im ehemaligen Küchentrakt eingerichtete Musée national de la voiture et du tourisme mit einer exzellenten Sammlung von Kutschen und frühen Automobilen.

Wir fühlen uns wohl in Compiègne. Speziell die „Crêperie Madame“ hatte es uns angetan. Nicht nur ausgezeichnete Galettes und Crêpes ließen keinen Wunsch offen. Auch die herzliche, erfrischende Art von Madame Laure hat uns begeistert. Dass sie zwei Jahre in Berlin gewohnt (in Kreuzberg) und gearbeitet (im Ganymed) hat und somit sehr gut deutsch spricht, führt zu einem regen Austausch, der sich dann auch über beide Tage zog.

Zweiter Abschnitt des Canal du Nord

Péronne – Noyon – Compiègne

Mi./Do. 15./16.06.2022. Wir fahren den Südabschnitt des Canal du Nord, zwischen den Tälern der Somme und der Oise. Die Scheitelhaltung des zweiten Höhenzugs wird im Tunnel La Panneterie passiert (Länge 1,10 km). Der Höhenunterschied zum Somme-Tal beträgt 13 Meter und wird von 3 Schleusen überwunden (davon sind 2 im Bestand des Canal de la Somme), jener zur Mündung im Oise-Tal beträgt 22 Meter und benötigt 4 Schleusen.

Unsere Wahl der Streckenabschnitte fällt notgedrungen sehr unterschiedlich aus. Am Mittwoch eine sehr große Strecke bis Noyon. Da mangelnde Anlegemöglichkeiten, machen wir erst Schluss, als wir den „Port de Plaisance“ unterhalb Noyon erreichen. Allerdings sind alle Plätze belegt und wir finden erst ganz am Ende, gegenüber einer Frachterwerkstatt einen Platz. Natürlich ohne jegliche Anschlüsse. Der lange Fahrtag hat uns geschafft.

Am Donnerstagmorgen werden wir lautstark vom Lärm der dicht beiliegenden Werft geweckt und beschließen zügig weiterzufahren. Am Ende einer diesmal sehr kurzen Tagesetappe stoppen wir in Compiègne und biegen in den kleinen Yachthafen ein. Allerdings nur, um festzustellen, dass er proppenvoll ist. Der Hafenmeister bietet uns noch einen Anleger „im Paket“ an, den wir aber als viel zu beengt dankend ablehnen. Also, erst mal wieder raus und zur 800 m entfernten Wassertanke.

Unser Tank ist zwar noch halbvoll, aber wie wir gelesen haben, soll in Frankreich stets vorausschauend geplant werden. Gesagt, getan. Die Rechnung verursacht erneut Schnappatmung – 2,30 €/l ist für Diesel angesagt. Gegenüber an einem langen, leeren Kai lässt es sich eigentlich prima anlegen. Wasser und Strom brauchen wir zur Zeit nicht. Auf Nachfrage beim Tankwart sieht er keinen Grund, dort nicht anzulegen.

Wir liegen mitten in der Stadt. Die Räder können an Bord bleiben, da alles, was man braucht oder sehen möchte, prima fußläufig erreichbar ist.

Canal du Nord. Zwei Tagesetappen bis Péronne

Douai – Moislains – Péronne

Sa./So., 11./12.06.2022. Wir starten am Samstag aus unserem kleinen Hafen Courcelles, durchqueren die letzten drei Schleusen auf dem Canal de la Sensée und biegen bei Arleux in den Canal du Nord ein.

Der 95 km lange Canal du Nord verbindet die Täler der Sensée und der Oise. Von der französischen Regierung erbaut, um den französischen Kohlebergbau zu unterstützen. Der Bau begann 1908, wurde aber 1914 wegen des Ersten Weltkriegs eingestellt. Die Zerstörungen durch den Krieg führten erst 1959 zur Wiederherstellung und zur Eröffnung 1965.

Der Canal du Nord galt als der modernste Schifffahrtskanal in dieser Streckenrelation und wurde bei seiner Planung für größere Schiffe als die der früheren Freycinet-Norm vorgesehen. Da diese Maße jedoch mit keiner heute gängigen Norm übereinstimmen, müssen speziell für diesen Kanal gefertigte Schiffe eingesetzt werden, um einen einigermaßen wirtschaftlichen Transport zu erzielen. Der Kanal entspricht daher keineswegs den heutigen Anforderungen. Ein Neubau ist seit vielen Jahren geplant.

Das mehrfach verschobene Projekt „Canal Seine-Nord Europe“ (parallel zum Canal du Nord) hat mittlerweile einen neuen Projektstatus, Fertigstellung 2028. Die Nachnutzung des alten, dann stillgelegten, Kanals hat bereits interessante Perspektiven (https://www.avenircanaldunord.fr).

Am Samstag schaffen wir den ersten Abschnitt des Canal du Nord bis zur Scheitelhaltung und Durchfahrt durch den 4,35 km langen Tunnel von Ruyaulcourt. Wir sind spät dran, gegen 19.30 Uhr, haben aber den Vorteil, dass wir in unserer Richtung allein und sofort einfahren können. Als Besonderheit befindet sich im Tunnel eine Begegnungsmöglichkeit. Die ersten 1600 m von jedem Portal sind einfach breit (6,30 m), während der 1150 m lange mittlere Teil doppelt breit ist (12,30 m).

Der Tunnel fährt sich problemlos, er ist gut beleuchtet und hat eine ausreichende Höhe. Da wir zu schnell sind, bekommen wir erstens eine Mahnung über UKW doch bitte langsamer zu fahren und zweitens, müssen wir dementsprechend am Ende der Begegnungszone warten, bis der entgegenkommende Frachter in sie eingefahren ist. Trotz aller guten Umstände ist die Tunnelfahrt ein kleines Abenteuer und wir sind doch erleichtert als wir wieder draußen sind.

Bevor es mit fünf Talschleusen wieder vom Scheitel runtergeht, parken wir vor der ersten zum Übernachten in einem langen Schleusenwartebereich.

Am Sonntag ist alles entspannt. Wenig Verkehr. Wir hängen uns an einen kleinen Frachter dran, der uns die fünf Schleusen optimal öffnet. Die reine Fahrstrecke bis Péronne beträgt lediglich knappe 15 km. Der kleine Sporthafen von Péronne soll unsere Halbzeitpause auf dem Canal du Nord werden.

Kleine Pause nahe Douai

Douai (kurz davor, Port de Courcelles les Lens)

Do./Fr., 09./10..06.2022. Zwei Tage Ruhe. Stadtbummel, Einkaufen und Trödeln. Am Donnerstag schwingen wir uns auf die Räder und fahren die rund 8 km nach Douai. Die nordfranzösische Stadt hat rund 40.000 Einwohner ist ein Zentrum der chemischen Industrie. Außerdem befindet sich in Douai ein Werk von Renault. Hier werden aktuell die Modelle Scénic 4, Scénic 4 Long, Talisman, Talisman Estate, Espace 5 und E-Megane produziert. 2.300 Mitarbeiter montierten hier 2021 rund 25.000 Autos.

Douai empfängt uns bei herrlichem Wetter mit einer recht schönen Innenstadt. Weitgehend alter Hausbestand und kaum architektonische Experimente. Die Atmosphäre der Stadt ist freundlich, aber nicht sehr belebt.

Abschied von der Nordseeküste

Ghyvelde – Saint-Omer – Douai

Di./Mi., 07./08.06.2022. Zwei Fahrtage um mal wieder „ein Stück weiter“ zu kommen. Am ersten Arbeitstag der Woche erscheint der versprochene Brückenwärter super pünktlich eine Viertelstunde vor Termin. Da dieser Standort der erste Kontrollpunkt in Frankreich ist, werden unsere Daten ausführlich aufgenommen und völlig „Old School“ in einer Mini-Kladde notiert.

Dunkerque (Dünkirchen) umfahren wir am südlichen Rand. Müssen jedoch einmal ca. zwei Meter auf Seeniveau runter und dementsprechend auch wieder rauf. Bei der ersten (Automatik-)Schleuse haben wir Glück, dass gerade VNF Mitarbeiter zu Reparaturarbeiten da sind. Die Lichtschranke ist defekt. So können sie uns vor und in der Schleuse behilflich sein.

Wir gehen auf den Canal de Bourbourg und verlassen den nördlichsten Zipfel Frankreichs in südlicher Richtung. Auf der Verlängerung heißt er erst Canal de Haute-Colme, dann ist es die kanalisierte Aa. Unsere Tagesetappe endet in einem netten, kleinen Hafen in Saint-Omer. Wir sind die einzigen Tagesgäste.

Am Mittwoch gibt es gezwungenermaßen eine Monsteretappe. Eigentlich sollte es nur bis Givenchy gehen. Aber der als Sportbootanleger ausgewiesene Platz ist nur die Schleusenwartestelle. Also weiter. Die Suche gestaltet sich schwierig, da wir ausschließlich Frachterverkehr beobachten. Sportboote haben wir weit und breit nicht gesehen. Kaianleger gibt es daher reichlich, für Sportboote sind sie allerdings höchst ungeeignet. Notgedrungen fahren wir bis 20.00 Uhr weiter und werden kurz vor Douai mit einem sehr ruhigen Hafen belohnt. Am Anleger ist uns ein ortsansässiger Nachbar mit Rat und Tat behilflich. Zwar gibt es keine Versorgung mit Strom und Wasser, dafür ist es kostenlos. Der lange Tag treibt uns schnell in die Kojen.

Tot ziens België. Bonjour France

Veurne (B) – Ghyvelde (F)

So., 05.06.2022. Das Wetter ist umgeschlagen. Der Pfingstsonntag begrüßt uns regnerisch. Wir fassen den Beschluss weiterzufahren.

Unser Kartenmaterial ist für eine vernünftige Routenplanung eine kleine Katastrophe. Weder der Plotter, noch die Wasserstraßenkarte für Belgien geben Detailwissen preis. Auch der Wateralmanak (Pflichtlektüre für NL/B) und Fluviacarte (online) helfen nicht weiter.

Um auf dem Canal de Furnes weiter in Richtung Dünkirchen zu kommen, ist uns noch der Brückenwärter von Veurne behilflich. Aber dann ist zappenduster. In Frankreich scheitern wir an der ersten Brücke. UKW bleibt unbeantwortet.

Also anlegen und am unbemannten Brückenhäuschen nach mehr Informationen suchen. Über die angegebene Telefonnummer erfahren wir, dass bis Dienstag nichts geht (Feiertage). Immerhin gelingt es, einen Termin für Dienstagfrüh 9.00 Uhr zu organisieren. Ein Paar, das direkt in dem kleinen Häuschen neben der Brücke wohnt, ist sehr freundlich und hilfsbereit. Wir bekommen den Tipp, das der nahegelegene, riesige Carrefour-Supermarkt heute am Pfingstsonntag geöffnet hat und wir auch bis 17.00 Uhr noch einen unverschlossenen Zugang zum Anleger haben. Perfekt.

Veurne. Ein Kleinod in Westflandern

Nieuwpoort – Veurne

Fr./Sa., 03./04.05.2022. Wie schon in Nieuwpoort bekommen wir vom Hafenmeister keine brauchbaren Hinweise oder Tipps für unsere Weiterfahrt. D. h., wir müssen 10 Minuten nach Abfahrt aus der Marina geschlagene drei Stunden vor dem Ganzepott-Schleusenkomplex warten. Die Gezeitenschleusen werden nur 3 Stunden vor bis 3 Stunden nach Hochwasser betrieben. Erst gegen 14.00 Uhr bekommen wir grünes Licht. Gravensluis (abwärts auf Seeniveau) und Veurnesluis (wieder hoch auf Kanalniveau). Aber, was soll’s? Wir haben erstens Zeit und zweitens wieder dazugelernt.

Der Kurztrip endet in Veurne. Der erste Eindruck am kleinen Hafen, na ja. Kein Hafenmeister weit und breit. Bis auf unsere Nachbarn mit ihrem belgischen Boot keine weiteren Kurzlieger. Das Umfeld, na, geht so.

Wie doch der erste Eindruck täuschen kann, sehen wir am Samstag. Veurne (frz. Furnes) ist wunderschön. Mit 12.000 Einw. die Hauptstadt des gleichnamigen Arrondissements in der Provinz Westflandern. Der kleine Ort war im gesamten Verlauf seiner Geschichte stets ein Teil Flanderns, vom Altertum bis in die Neuzeit. Im Ersten Weltkrieg lag Veurne in dem kleinen Teil Belgiens, der nicht von deutschen Truppen besetzt wurde.

Veurne hat die perfekte Größe um es an einem Tag gemütlich zu durchwandern. Das schöne Wetter tut ein Weiteres dafür, dass es uns nur gutgehen kann.

Nieuwpoort. Licht und Schatten

Nieuwpoort

01./02.06.2022. Nieuwpoort liegt an der Mündung der Yser in die Nordsee. Die Stadt mit ihren 12.000 Einw. besteht aus den beiden Teilen Nieuwpoort-Stadt und Nieuwpoort-Bad. 1163 erhielt Nieuwpoort die Stadtrechte durch Philipp von Elsass. Die folgenden Jahrhunderte teilt die Stadt das Schicksal von ganz Westflandern. Kriege, Belagerungen, Zerstörungen, Wiederaufbau.

Während des Ersten Weltkriegs wurde Nieuwpoort erneut schwer beschädigt. Flandern galt als Hauptkampfgebiet an der Yser-Front. Im Herbst 1914 setzten die belgischen Truppen das Schlachtfeld unter Wasser: Sie öffneten die Seeschleusen von Nieuwpoort bei Flut und schlossen sie bei Ebbe. Die deutschen Angreifer mussten sich daraufhin wieder hinter die Yser zurückziehen.

Bald nach 1918 wurde die Stadt mit neuem Grundriss, aber auch unter Beibehaltung historischer Strukturen wieder aufgebaut. Die zwischen Nieuwpoort und Ostende errichteten Befestigungsanlagen wurden im Zweiten Weltkrieg zum Atlantikwall ausgebaut.

„Der Massentourismus nach dem Krieg hat eindeutig keine hochwertige Architektur und keinen bedeutenden Städtebau hervorgebracht, die der früheren Küstenlandschaft und dem historischen Erbe an der Küste gerecht wäre. Und dennoch: Mit der Küstenstraßenbahn kann der aufmerksame Reisende das Erbe wiederentdeckten, er fährt daran vorbei oder kann es in der Ferne erspähen. Und es gibt die Küstentramlinie selbst.“ Diesen Originaltext entnehmen wir einer Infotafel der „Kusttram“, der Küstentram. Wie wahr.

Mit einer Länge von 67 Km und 67 Haltestellen gilt die Kusttram als längste Straßenbahnlinie der Welt. Von De Panne (an der Grenze zu Frankreich), über Nieuwpoort, Oostende und Zeebrugge bis Knokke-Heist (kurz vor der Grenze zu den Niederlanden). Für die komplette Strecke (im Sommer im 10-Minuten-Takt) benötigt die Bahn 2 Stunden und 23 Minuten.

Eine Passage mit (überwindbaren) Hindernissen

Oostende – Nieuwpoort

Di., 31.05.2022. Wir lernen wieder mal dazu. Die Regeln in einem Seehafen sind deutlich strenger als im Binnenbereich. Wir machen uns am Vormittag auf die Tour nach Nieuwpoort, verlassen die Marina RYCO und fahren im Seehafen bis zur Seeschleuse Demey.

Bei unserer Anmeldung fangen wir uns einen Anranzer per UKW ein. Wir seien bei „Rot“ aus der Marina raus (welches wir wirklich nicht gesehen haben und auch nicht vom Hafenmeister darauf hingewiesen wurden), und, wir haben uns auch nicht vorab bei der Schleuse angemeldet.

Nach der Standpauke vom Schleusenwärter entschuldigen wir uns und geloben Besserung. Er hat ein Einsehen. Wir müssen nicht zurückfahren. Nach kurzer Wartezeit macht er uns die Schleuse auf. Die nächsten drei Brücken haben jedoch feste Bedienzeiten. Auf unsere Weiterfahrt müssen wir somit eine Stunde im nächsten Dock warten.

Zusätzlich teilt uns der Schleusenwärter noch mit, dass unsere geplante Route über den Plassendale-Nieuwpoort-Kanaal heute nicht möglich sei. Es gibt einen eintägigen Streik. OK, denken wir, dann legen wir uns halt vor der Einfahrt in den Kanal zum Übernachten hin.

Es kommt anders. Schleuse und Kanal sind offen. Wir sind weit und breit das einzige Schiff und werden sofort durchgelassen. Es geht am laufenden Band durch die zahlreichen, zentral bedienten Brücken und wir kommen stressfrei um 16.30 Uhr in Nieuwpoort an.

Die Tour hatte nur 28 km und war trotz der Wirrungen ein schöner, relativ schneller Törntag.

Ein langes Wochenende in Oostende

Oostende

Sa.-Mo., 28.-30.05.2022. Oostende, in der Provinz Westflandern, ist mit seinen 71.000 Einwohner Hafenstadt und Kurbad zugleich. Der Hafen von Ostende war früher einer der wichtigsten Fährhäfen für den Verkehr nach England, verlor aber nach der Eröffnung des Ärmelkanaltunnels (Nov. 1993) und der kurz darauf folgenden Fertigstellung der Autobahnverbindung nach Calais rasant an Bedeutung.

Oostende schreibt über die Jahrhunderte Geschichte von permanenter Belagerung und Zerstörung durch Engländer, Spanier, Franzosen und Deutschen. Auffällig im Stadtbild, es gibt so gut wie keine alten Häuser mehr, geschweige denn Viertel. Der Kontrast zu Brügge könnte größer nicht sein. Im Zweiten Weltkrieg war Ostende wegen seiner Hafenanlagen ein Ziel schwerer Luftangriffe und wurde zu großen Teilen zerstört.

Das heutige Stadtbild ist geprägt von unspannender Beliebigkeit. Kleine Oasen, wie im großen Maria Hendrikapark oder im Japanischen Garten sorgen für etwas Abwechslung im Neubau-Allerlei.