Abhängen in Toul

Toul

Sa./So., 21./22.08.2021, am Samstagvormittag wird erstmal umgeparkt. Vom „Mini“-Ausleger geht es an den Rand des Hafens. Hier können wir die Räder bequem von Bord nehmen und wir liegen auch nicht so dicht – wie die Sardinen in der Büchse – zwischen den anderen Booten.

Die Sonne brennt, ein richtig schöner Sommertag. Da es gestern schon für eine Anmeldung zu spät war, müssen wir das heute tun. Bloß blöd, dass diese am Wochenende nur von 17 bis 18 Uhr besetzt ist. Also fahren wir zuerst mal zum Einkaufen. Danach auf dem Achterdeck faulenzen und um 17 Uhr zur Capitainerie. Wir sind beide vom Vortag noch etwas kaputt und vertagen den kleinen Stadtbummel durch Toul auf Sonntag.

Sonntag lange schlafen und aus dem Frühstück wird ein kleiner Brunch. Es ist grau, deutlich kühler und regnerisch. Das ganz große Gewitter kratzt uns nur mit einem Ausläufer. Um 14.00 Uhr, sagt das Regenradar, ist die Sonne wieder da. Stimmt.

Also, auf nach Toul (15.000 Einw.) Wurde an einer bereits in prähistorischer Zeit bewohnten Stelle durch den gallischen Stamm der Leuker gegründet. 51 v. Chr. von den Römern besetzt. Die Franken beendeten die römische Herrschaft und es begann eine barbarische Zeit mit immer wiederkehrenden Invasionen. Die Stadt wurde mehrmals verwüstet. 1870 im Deutsch-Französischen Krieg von der deutschen Armee belagert, kapitulierte die Festung am 23. September 1870. Im Ersten Weltkrieg fanden hier keine Kampfhandlungen statt. Doch im Zweiten Weltkrieg erlitt im Juni 1940 die Stadt schwere Zerstörungen. 40 % der Altstadt lagen in Trümmern.

Toul heute ist namensgebend für die „Côtes de Toul“, das wichtigste Weinanbaugebiet der ehemaligen Region Lothringen. Die Appelation Côtes de Toul erstreckt sich auf 110 Hektar an den Hängen einer Hügelkette westlich der Stadt. Zugelassen sind die Rebsorten Pinot Noir (Spätburgunder), Gamay und Pinot Meunier (Schwarzriesling) für Rot und Roséweine sowie Auxerrois und Aubin Blanc für Weißwein. Der bekannteste Wein der Region ist der Gris de Toul, ein sehr heller Roséwein.

Nun sind wir schon so lange in Frankreich und machen immer noch den gleichen Fehler: Sonntags geht man nicht in einen Ort! Keine Ahnung, was die Franzosen am Sonntag machen – auf der Straße, in Cafés und Restaurants zeigen sie sich jedenfalls nicht.

Die letzte Etappe auf dem Canal de la Meuse

Commercy – TrousseyToul

Fr., 20.08.2021, der letzte Fahrtag auf der kanalisierten Meuse. Sollen wir nun lachen oder weinen? Einerseits waren einige Abschnitte fahrtechnisch durchaus anstrengend. An einigen (Fahr-)Tagen haben wir zweimal am Tag den Wasserfilter entleert. Anderseits waren Fluss, Landschaft und besuchte Orte fantastisch. Sicher werden wir erst mit ein wenig Abstand genau wissen, was überwiegt.

Wenn wir heute bei Troussey, wo wir in den Canal de la Marne au Rhin abbiegen, haben wir 272 intensive Kilometer auf dem Canal de la Meuse hinter uns gebracht. Sind durch 59 Schleusen (die insgesamt einen Höhenunterschied von 150 m ausgleichen) und vier Tunnel gefahren. Generell in südlicher Richtung und dem Lauf des Flusses Maas/Meuse folgend.

Bis zum Etappenziel Toul sind es dann noch 18 Kilometer. Unsere Hoffnung auf weniger Algen im Kanal wird nicht erfüllt. Es bleibt grün. An der ersten Schleuse (n° 14) auf dem Canal de la Marne au Rhin, direkt nach dem knapp 900 Meter langen Foug-Tunnel, müssen wir unsere Fernbedienung wieder abgeben. Sie ist ausschließlich für den Canal de la Meuse.

Die letzten 8 Kilometer sind noch 12 Schleusen zu überwinden. Der Schleusenwärter erkundigt sich nach unserem Ziel und schaltet uns die kompletten Schleusen auf „Grüne Welle“. Die extrem dicht aufeinanderfolgenden Schleusen sind bei Eintreffen stets einfahrbereit und von uns nach Einfahrt „per Stange“ zu bedienen. Es stellt sich schnell eine gute Routine ein. Aber das Ganze zieht sich doch ganz schön.

Der Port de Plaisance in Toul ist sehr voll und wir müssen in eine Box, die einen viel zu kurzen Ausleger hat. Beim Anlegen steige ich von Bord, sehe nicht nach unten, und, da ich nicht Jesus bin, versinkt mein linkes Bein bis zur Hüfte im Wasser. Morgen, wenn früh einige Schiffe weiterfahren, suchen wir uns einen besseren Platz.

Im Schneckentempo zu Madeleine

Lacroix-sur-Meuse – Commercy

Mi./Do., 18./19.08.2021, 30 Kilometer Strecke, die uns zu schaffen machen. Die Schleusen (die erste mit Bedienung) funktionieren reibungslos, aber …

… nahezu der komplette Abschnitt geht durch die Algenwelt des Kanals. Wir fahren langsam, sehr langsam. Welle und Schraube machen deutliche Geräusche. Die durchschnittlichen 1,20 m unter Kiel sind voll mit Algen und Pflanzen. Die Schraube betätigt sich als horizontaler Stabmixer. Teilweise gibt unser Tiefenmesser, mangels Resonanzfläche, keine Messwerte mehr ans Instrument.

Unterm Strich ging alles gut. Der kleine Anleger in Commercy ist dicht mit einheimischen Booten. Völlig kaputt und enttäuscht fahren wir 100 Meter weiter und finden zum Glück eine Kaimauer mit Poller. Zwar ohne Versorgung aber direkt hinter einem großen Aldi.

Das Umfeld am Anleger ist ein wenig trist. Aber ruhig. Wir nutzen die Chance, mit dem Einkaufswagen direkt ans Boot fahren zu können und bunkern Getränke ohne Ende. Ein kleiner Spaziergang durch die relativ unspektakuläre Gemeinde (5.400 Einw.) führt uns durch nette Gassen und kleine Plätze.

Das Highlight des Ortes, das Château de Commercy, muss im 18. Jahrhundert ein kleines Traumschloss gewesen sein. Die gigantische Gartenanlage mit einer Burg am Ostende begrenzt, gibt es nur noch auf den Gemälden. Geblieben sind das Schloss mit zwei Flügeln und Ehrenhof, das heute als Rathaus genutzt wird.

Eine Anekdote aus dem Schlossleben:

„Im Jahr 1755 gab Herzog Stanislas Leszczyński, König von Polen im Exil und dank seines Schwiegersohns König Ludwig XV. von Frankreich, ein großartiges Abendessen in seinem bewundernswerten Schloss. Mitten am Abend brach ein Streit zwischen dem Zeremonienmeister und dem Koch aus. Letzterer gab kurzerhand seine Schürze zurück und zog sich unter Mitnahme des Desserts zurück. Das Abendessen und die Lebensfreude der Gäste schienen kompromittiert zu sein. Und der König von Polen lief Gefahr, von ganz Europa verspottet zu werden.

Eine junge Magd, Madeleine Paulmier, schlug vor, ein Kuchenrezept ihrer Großmutter zu backen. Aus Mangel an Besserem war der König gezwungen, zu akzeptieren. Die Festgesellschaft feierte das Gebäck, das in einer so originellen Form daher kam. Der alte Souverän, der den Charme der Jugend schätzte, fragte das Mädchen nach ihren Vornamen und führte ihn galant dem Kuchen zu, wodurch dieses anonyme Mädchen in die Geschichte eingehen und am Ruhm der Stadt teilnehmen konnte. „

So wurde die muschelförmige Leckerei nicht nur das Lieblingsgebäck von Marcel Proust, sondern eine weltweit geschützte Marke, „La Madeleine de Commercy“.

Am Westrand des „Parc naturel regional de lorraine“ nach Lacroix-sur-Meuse

Verdun – Lacroix-sur-Meuse

Di., 17.08.2021, wir sind super pünktlich um 9.00 Uhr an der Stadtschleuse Verdun. Die beiden Schleusenwärterinnen erwarten uns schon. Aus der Schleuse geht es direkt in einen kurzen Tunnel, der den alten Festungswall durchsticht.

Mit der darauffolgenden Schleuse bekommen wir für die heutige Strecke (sechs Schleusen, 30 km) einen festen Begleiter. Wir sind allein aus Verdun gestartet und auch unterwegs begegnet uns kein einziges Schiff. Die Ruhe und die Landschaft lassen uns ins Träumen kommen.

Den „Parc naturel regional de lorraine“ (Naturpark Lothringen) werden wir nun an seiner westlichen Ausdehnung südwärts in zwei Tagesetappen bis nach Toul fahren. Dann, oberhalb von Nancy, nordwärts an der Ostgrenze entlang über die Moselle bis Metz.

Das Tagesziel, Lacroix-sur-Meuse, ist ein kleines Dorf mit einem ordentlichen Anleger (Wasser und Strom). Außer fünf ortsansässigen Booten sind wir die einzigen Anleger. „Programm“ gibt es heute nicht. Wir trödeln, spielen eine Partie Pétanque und lassen es uns gutgehen.

Verdun, Mémorial

Verdun (Fleury-devant-Douaumont/Douaumont)

Mo., 16.08.2021, Ausflug zum Mémorial de Verdun (das 2016 neueröffnete Museum) und zum Ossuaire de Douaumont (dem 1932 eingeweihten Beinhaus). Die Strecke aus Verdun geht in die Anhöhen Richtung Douaumont. Knapp acht Kilometer, mit dem Rad relativ schnell erreichbar.

Die Schlacht von Verdun : 21. Februar bis 18. Dezember 1916. 300 Tage und 300 Nächte lang heftige Gefechte. Eine nicht enden wollende Flut von Granaten und Artilleriefeuer. Eine grauenhafte Bilanz: 300.000 Männer – Deutsche wie Franzosen – haben das Leben verloren. Das Mémorial beeindruckt mit einer neuen Museumspräsentation, die Bildung und Erlebniswelten verbindet und lässt die Besucher mitten in das Geschehen des Ersten Weltkriegs und des deutsch-französischen Schlachtfelds eintauchen.

Wir sind beeindruckt von der Detailversessenheit, der Fülle der Sammlungen und der sehr gelungenen, modernen Aufbereitung dieses grausamen Krieges.

Natürlich machen wir noch einen Abstecher zum 2 Kilometer entfernten Beinhaus. Vor knapp 50 Jahren (Ende Dezember 1972) haben wir schon einmal hier Station gemacht. Zusammen mit Peter (in seinem NSU TT) und Michael waren wir auf dem Weg zu einem Kurztrip von Berlin nach Paris. Die bedrückenden Momente von damals sind uns in Erinnerung geblieben und prägen uns noch heute.

Verdun, Stadt

Verdun

Sa./So., 14./15.08.2021, Hochsommer vom Feinsten. Die Temperaturen steigen auf 35 Grad. Wir bummeln am Wochenende durch die Stadt.

Verdun, die alte Bistums- und Festungsstadt und ihr Umfeld waren 1916 Schauplatz der Schlacht um Verdun, die zu den blutigsten Materialschlachten des Ersten Weltkrieges zählt. Verdun gehörte zu Lothringen und somit seit 925 zum Ostfrankenreich, aus dem das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hervorging. Als Freie Reichsstadt fiel es aber 1552 durch den Vertrag von Chambord mit den Trois-Évêchés als Protektorat und 1648, durch den Westfälischen Frieden, endgültig an Frankreich. Im zweiten Weltkrieg stand die Stadt zwischen Juni 1940 und August 1944 unter Kontrolle der Deutschen Wehrmacht.

Heute lebt Verdun (17.000 Einw.) vor allem vom Dienstleistungssektor: Fremdenverkehr, Verwaltung und Bistum. Der Bevölkerungsrückgang ist (ähnlich Sedan) seit Mitte der 1970er Jahre rückläufig. Allerdings ist der Leerstand und die Armut nicht so deutlich sichtbar wie in Sedan.

Mit Begleitung durchs nächste Kraut. Nach Verdun

Dun sur Meuse – Verdun

Fr., 13.08.2021, der Aufbruch um 9.00 Uhr erfolgt wider Erwarten doch nur zu zweit. Zusammen mit „ma Maîtresse“, einem belgischen Boot, das mit einem Paar in unserem Alter besetzt ist, starten wir in die erste Schleuse. Eine automatische, die perfekt funktioniert. Das hatten wir nach der VNF Vorankündigung so nicht erwartet.

Aber dann. Ab der zweiten Schleuse wird manuell bedient und wir erfahren, dass das nun bis Verdun so bleibt. Stets ein kleines Team für drei bis vier Schleusen, dann wird an ein neues übergeben.

Eine lange Tour. Acht Schleusen und über 50 km lang. Und, es geht wieder durchs Kraut. Hauptsächlich sind es die aufgestauten Teppiche vor den oben liegenden Toren der Schleusen. Manchmal nur ein paar 100 Meter, einige sind kilometerlang. Durchs Kraut fährt natürlich immer die Angst mit, es könnten sich zu viele Algen um Welle und Schraube legen. Bug- und Heckstrahlruder benutzen wir in diesen Abschnitten vorsichtshalber gar nicht mehr. Zusätzlich reinigen wir täglich unseren, oft mit „Salat“ gefüllten, Wasserfilter. Die kanalisierte Meuse streckt sich. Der letzte Teil vor Verdun zieht sich über 20 Kilometer.

Letztendlich scheinen wir es wieder gut bewältigt zu haben. „ma Maîtresse“ hatte Pech. Es kommt weißer Dampf aus dem Auspuff. Im Verdun erzählt er uns, dass er Wasser im Motor vermutet und die Ursache den Algen zuschreibt. Für eine Reparatur steht ihm erst in Toul ein nächstmöglicher Servivebetrieb zur Verfügung. Zusätzlich hat er sich an einer zu niedrigen Schleusenbrücke einige Teile von seinem Geräteträger abrasiert. Bei manchen Brücken (Normalpegel-Durchfahrtshöhe 3,50 m) ist extreme Vorsichtig angesagt. Mit gelegtem Mast kommen wir auf 3,45 m. Wenn das nicht reicht, muss das Cabrio runter.

Das Happy-End des Tages ist ein wunderschöner Anleger mitten in der Stadt und fantastisches Sommerwetter. Strom und Wasser direkt am Boot. Und das Beste, alles kostenlos. Merci Verdun.

Eine „Sauerkraut“-Strecke nach Dun sur Meuse

Stenay – Dun sur Meuse

Do., 12.08.2021, der Hochsommer ist zurück. Start gegen 10.00 Uhr, gleich an der Ortsausfahrt Stenay die erste Schleuse (n° 31), problemlos.

Unerwünschte Abwechslung kommt ab der Schleuse n° 30 auf. Ein VNF-Servicetechniker ist vor Ort und bereits für einen vorausfahrenden Belgier in Aktion. Er begleitet auch unsere Schleusung manuell.

Bei der Ausfahrt landen wir in einem dichten Pflanzenteppich. Schon in der Schleuse war das verringerte Drehen von Bug- und Heckstrahl zu bemerken. Danach gingen sie überhaupt nicht mehr. Auch die Antriebswelle samt Schraube machte beängstigende Geräusche. Das ist das erste Mal, dass wir uns in so einer Situation befinden. Ich male mir schon aus, ins Wasser tauchen zu müssen, um die Schlingpflanzen aus den Schrauben zu schneiden. Tempo runter, hin und wieder anhalten und ein Stück im Rückwärtsgang. Der „Teppich“ lichtet sich nach circa 3 km und wir können alle Schrauben wieder frei fahren. Glück gehabt.

Nächste Schleuse (n° 29), der Belgier vor uns ist nicht mehr zu sehen. Also wir rein und … das System reagiert wieder nicht. Mittlerweile wissen wir, dass für diesen Streckenabschnitt die VNF-Zentrale Verdun zuständig ist. Der telefonisch gerufene Mitarbeiter (war wohl noch in der Nähe) kommt prompt. Auch er ist freundlich und hilft uns schnell durch. Aber, er bereitet uns auf die nächsten Engpässe vor. Wir sollen in Dun sur Meuse übernachten. Morgen um 9.00 Uhr soll es dann weiter gehen.

Die Sonne brennt vom Himmel. Ein Spaziergang in der Hitze ist uns zu anstrengend. Wir suchen den Schatten auf dem Boot. Am Anleger des kleinen Dorfes Dun sur Meuse liegt schon der Belgier, eine relativ große Pénichette kommt hinzu und macht vor der geschlossenen Schleuse Halt. Ganz zum Schluss noch ein viertes Boot. Na, das gibt morgen früh Gedrängel an der kleinen Schleuse, in die nur zwei Boote passen.

Stenay

Sedan – Stenay

Di./Mi. 10./11.08.2021, wir machen ein wenig Strecke. Fünf Schleusen, 41 km, von Sedan nach Stenay. Eine Fahrt ohne besondere Vorkommnisse. Die Automatikschleusen funktionieren so, wie sie sollen. Trotzdem sind wir fast sechs Stunden unterwegs.

Stenay ist ein schöner kleiner Ort (2.500 Einw.), der, wie so viele in dieser Region, arg in Kriegszeiten gelitten hat. Während des Ersten Weltkriegs richtete der deutsche Kronprinz Wilhelm sein Hauptquartier im Schloss der Familie Verdier ein. Von September 1914 bis Februar 1918 hielt er sich dort als Befehlshaber des Armee-Oberkommandos 5 mit seinem Stab auf. Am 11. November 1918 wurde die Stadt wenige Stunden vor dem Inkrafttreten des Waffenstillstands von der 89. Infanteriedivision der USA unter hohen eigenen Verlusten durch das Artillerieabwehrfeuer der deutschen Truppen besetzt.

Auch Stenay gibt sich viel Mühe mit der Tourismusentwicklung zu neuen Impulsen zu gelangen.

Sedan. Schön & schrecklich

Pont à Bar – Sedan

So./Mo., 08./09.08.2021, wie verabredet warten wir am Sonntagmorgen ab 9.00 Uhr auf den VNF-Mitarbeiter. Er kommt, leicht verspätet, und muss jetzt auch an der zweiten Schleuse, direkt am kleinen Hafen, helfen. Das System funktioniert, aber das Tor klemmt. Aus Pont à Bar sind wir die einzigen, die losfahren wollen.

Sedan ist auf der Meuse nur drei Automatikschleusen entfernt. Zwei von ihnen machen uns Kummer. Eine müssen wir bei einem heftigen Platzregen nehmen, die zweite ist „Doppelrot“, das heißt, geschlossen. Wieder ein Anlegemanöver (in einer Kurve, mit Pflock) und Fußmarsch. Auch hier ist ein VNF Mitarbeiter ziemlich schnell da und setzt sie wieder in Betrieb.

Der Anleger in Sedan ist kombiniert mit Caravan- und Campingplatz und bietet nicht sehr vielen Schiffen Platz. Allerdings ist er auch nicht sehr frequentiert. Eine Capitainerie gibt es nicht. Der Hafenmeister wird durch Kartenautomaten ersetzt. Wie seelenlos.

Am Nachmittag noch ein kleiner Ausflug in die Stadt. Sedan (16.000 Einw.) ist, nicht nur aufgrund seiner zwei verheerenden Schlachten (1870 und 1940), eine arg geschundene Stadt. Der Rückgang einer ehemals florierenden Textilindustrie und die generelle Lage in einer strukturschwachen Region machten Sedan heute zu einer der ärmsten Gemeinden Frankreichs. Die Bevölkerung sinkt seit Mitte der 1970er Jahre kontinuierlich.

Einige wunderschön anzusehende Bauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stehen zum Teil wie Solitäre zwischen profanen Neu- oder verlassenen Altbauten. Der Leerstand ist groß. Seit einigen Jahren investiert Sedan in den Tourismus, wobei das Schloss die Hauptrolle spielt.

Am Montag auf dem Plan: das Château de Sedan. Wir nehmen uns die Zeit, es uns ausführlich anzusehen. Die mittelalterliche Burganlage gilt mit ihren 35.000 m² als eine der größten ihrer Art in Europa. Mit Audioguide ausgestattet ziehen wir die sieben Etagen der Burg rauf und runter.

Die Geschichte kurz gefasst: Um 1424 begann Eberhard II. von der Marck-Arenberg mit dem Bau der Burg (ursprünglich ein Benediktinerkloster). In der zweiten Hälfte des 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts war sie das Zentrum eines unabhängigen Fürstentum innerhalb der Grenzen Frankreichs. 1642 gehen Schloss und Fürstentum an Frankreich (Louis XIII) und das Schloss wird mehr als drei Jahrhunderte ein militärisches Gebiet bleiben.

Seit 1962 als Denkmal klassifiziert wird die Anlage Zug um Zug als Touristenattraktion ausgebaut, einschließlich eines Schlosshotels samt Restaurant in der ehemaligen Kaserne.

Zum Tanken. Mit Hindernissen.

Charleville-Mézière – Pont à Bar

Sa., 07.08.2021, nächstes Ziel wäre ja eigentlich eine Tagestour nach Sedan. Aber das muss warten, denn wir müssen tanken. Zum ersten Mal in diesem Jahr. Die Tankstellen hier in Frankreich sollte man sehr vorausschauend einplanen, wenn man nicht Kanister schleppen will.

Wir haben von Siegfried in Revin den Tipp bekommen, auf den Canal des Ardennes abzubiegen. Dort kommt nach zwei Schleusen der kleine Ort Pont à Bar mit einer Charterbasis und einer Servicestation mit Tankstelle am Kanal.

Der Kanal wäre auch für uns eine Fahroption in den Großraum Paris oder die Bourgogne gewesen, aber, er ist wegen einer(!) Schleusenreparatur in der Mitte immer noch gesperrt. Nach dem der Kanal drei Jahre lang aufwändig erneuert wurde, hat das diesjährige Hochwasser einen Deich in diese Schleuse gedrückt!

Also, wir unterbrechen unsere Strecke und wollen auf den Ardennenkanal. Doch die automatische Meuseschleuse ist „tot“. Nichts bewegt sich. Auf Anrufe beim VNF meldet sich heute (Samstag) nur der Anrufbeantworter. Wir können auch nicht weiterfahren, da wir uns am Reservelimit mit unserem Tank befinden. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als notdürftig am Meuseufer anzulegen und nach Pont à Bar zu laufen (1,5 km) und um Hilfe zu bitten.

Ein Mitarbeiter der Charterfirma ruft für uns die richtige VNF-Nummer (in Givet!) an und, tatsächlich nach einer knappen Stunde fährt ein VNF-Wagen vor und ein Mitarbeiter schleust uns manuell durch. Wir beschließen, die Nacht in Pont à Bar zu bleiben und verabreden uns mit dem VNF-Mann für morgen 9.15 Uhr, damit er uns wieder „manuell“ auf die Meuse bringt. Es erstaunt uns immer wieder, wie freundlich und hilfsbereit die Menschen hier sind.

In Pont à Bar bekommen wir den Tank gefüllt und sind glücklich.

Letzter Tag in Charleville-Mézières

Charleville-Mézière

Fr., 06.08.2021, an unserem letzten Tag schauen wir noch im Museum der Ardennen vorbei. Im Mix eines gigantischen Heimatmuseums wird eine enorme Bandbreite gezeigt. Das Gebäude verbindet in einem recht großen Gebäudekomplex den Place Ducale mit dem Place Churchill.

Eine große Runde drehen wir noch mit dem Fahrrad. Auf die zweite Insel, Mézières, und im großen Außenbogen an den Maasschleifen entlang zurück zum Anleger.

Une journée avec Arthur

Charleville-Mézières

Do., 05.08.2021, ein Tag mit Arthur Rimbaud (* 20.10.1854 in Charleville; † 10.11.1891 in Marseille), dem französischen Dichter, Abenteurer und Geschäftsmann. Heute gilt er als einer der einflussreichsten französischen Lyriker.

„Ist es möglich, dass ein gerade einmal Neunzehnjähriger sein dichterisches Lebenswerk abschließt, das den Gang der lyrischen Dinge für immer verändern und ganze Epochen oder Stilrichtungen – wie den Expressionismus und Surrealismus – entscheidend beeinflussen wird? Ist es möglich, dass dieser Neunzehnjährige danach sein Schreiben unwiderruflich für den Rest seines Lebens einstellt? Es ist möglich.“ schreibt Rüdiger Görner 2004 einleitend in einem Aufsatz zum 150sten Geburtstag Rimbauds.

Charleville gibt dem größten Sohn der Stadt mit zwei Museen den Raum, den er absolut verdient. Dem Musée Rimbaud in der alten Mühle an der Meuse und dem Maison Rimbaud schräg gegenüber am Quai. Wir besuchen beide Häuser und versuchen dem Phänomen Rimbaud und seinen posthumen „Hommages“, vorrangig in der Malerei, der Literatur und der Musik, ein wenig auf die Spur zu kommen.

Der Einfluss des insgesamt nur schmalen Werkes sowie auch der mysteriösen Figur Rimbauds auf die Dichter des Symbolismus und des Expressionismus ist beträchtlich, auch die Surrealisten mit ihrer Idee des nur vom Unbewussten gesteuerten Schreibens, der écriture automatique, orientierten sich an ihm.

Rimbaud beeinflusste im Einzelnen z. B. Van Morrison, der 1985 den Song Tore down a la Rimbaud veröffentlichte, Bob Dylan, Fabrizio De André, Klaus Hoffmann, Henry Miller, Patti Smith, Richard Hell (Television), Jim Morrison, Penny Rimbaud (Crass), Wladimir Wyssozki, Klaus Mann, Georg Trakl, die Beat-Poeten u. a. – Die Vielfalt über die lange Zeit bis heute ist überwältigend.

Nächster Halt Charleville-Mézières

Monthermé – Charleville-Mézières

Mi., 04.08.2021, weiter geht’s. Nach Charleville-Mézières, dem Hauptort des französischen Départements Ardennes. Wieder eine Mini-Etappe ohne besondere Vorkommnisse. In unserer Richtung sind wir, wie schon gestern, alleine unterwegs. Die Ruhe und Beschaulichkeit der Landschaft zieht uns wieder voll in ihren Bann.

Die Stadt Charleville-Mézières liegt an dem Teil der Meuse, die hier vor dem Eintritt in ihr Durchbruchstal durch die Ardennen vier schon etwas eingeschnittene Flussschleifen geschaffen hat. Die erste und die dritte der von den Schleifen umlaufenen Halbinseln wurden mit Schifffahrtskanälen (und den bekannten kleinen Automatikschleusen) durchstochen. Im nördlichen Teil der folgenden Meuseschleife wurde die Residenzstadt Charleville gebaut, deren Kern bruchlos in jüngere Bebauung übergeht.

Der Port de Plaisance in Charleville ist ein perfekt ausgebauter, riesiger, neuer Hafen. Leider mit ebenso großem Manko, einer viel zu niedrigen Einfahrtsbrücke. Einige Schiffe hat es böse erwischt, die gerade noch unter dieser eingefahren sind und nun – bei immer noch zu hohem Pegelstand – nicht mehr rauskommen. Zum Glück für uns gibt es ausreichend Platz am Außenanleger, der gut mit Strom- und Wasseranschlüssen ausgestattet ist. Hier lagen, eng gepackt vor gut drei Wochen zur Hochwasserzeit, etliche Sportboote in der Kanalsperrphase 13 Tage „gefangen“.

Die Räder kommen mal wieder von Bord und wir machen am Nachmittag eine erste Erkundungsfahrt durch die Stadt. Der erste Eindruck ist durchaus vielversprechend. Morgen werden wir sie uns genauer ansehen.